Zwei Sieger und nur gedämpfte Freude
Oberberg/Hückeswagen · Eindeutiger Sieger der Wahl im Oberbergischen ist Dr. Carsten Brodesser. Aber selbst in der CDU hielt sich der Jubel am Wahlabend im Kreishaus in Grenzen. Ein Sieger ist auch Jan Köstering: Mit ihm zieht erstmals ein Linker aus Oberberg in den Bundestag ein.
Es gab schon rauschendere Wahlpartys in den Geschäftsstellen der Parteien und im Kreishaus. Am Sonntagabend war die Stimmung dort verhalten. Kurz nach 19.30 Uhr brandete immerhin Applaus auf, als Dr. Carsten Brodesser mit Familie und Freunden das Foyer betrat. Zu diesem Zeitpunkt stand fest, dass der CDU-Abgeordnete aus Lindlar die Wahl im Landkreis klar gewonnen hat und zum dritten Mal in Folge in den Deutschen Bundestageinziehen wird.
Zweiter Abgeordneter für Oberberg in Berlin wird Jan Köstering sein. Erst in der Nacht zu Montag war klar, dass der 28-jährige Kfz-Mechatroniker aus Nümbrecht über die Landesliste der Linken in den Bundestag kommt. Mit 6,3 Prozent hat die Linke am Sonntag in Oberberg erstmals mehr als eine Position unter den nur statistisch relevanten „Sonstigen“ eingenommen. Köstering ist Kreistagsabgeordneter und Kreissprecher der Linken.
Für den Wahlsieger Brodesser hätte die Freude theoretisch ungetrübt sein können: Mit 31,7 Prozent der Zweitstimmen liegt die CDU in Oberberg deutlich über dem Ergebnis der Partei auf Bundesebene. Und das toppte der Lindlarer noch mit seinem persönlichen Wahlergebnis von fast 37 Prozent der Erststimmen. Überlagert wurde die Freude innerhalb der CDU aber vom Ergebnis für die AfD mit kreisweit 21,2 Prozent der Zweitstimmen. Die Rechtspopulisten haben damit im Oberbergischen – wie auch in Hückeswagen – ihr Ergebnis der vorigen Bundestagswahl mehr als verdoppelt und wurden zweitstärkste Kraft hinter der CDU.
„Die Stimmung bei uns ist ernst, die Ergebnisse zwingen zum Nachdenken, und es ist klar geworden, dass wir einen großen Politikwechsel brauchen“: Das sagte der CDU-Landtagsabgeordnete Christian Berger aus Wipperfürth, als er am Sonntagabend als Erster von der Wahlparty in der CDU-Kreisgeschäftsstelle ins Kreishaus kam. Ähnlich äußerte sich Minuten später Carsten Brodesser: „Natürlich bin ich froh und dankbar für mein Wahlergebnis. Aber es stimmt mich auch ein Stück weit traurig, dass mehr als jeder Fünfte in Oberberg seine Stimme der AfD gegeben hat.“ Das sei eine ungute Entwicklung, die alle demokratischen Parteien sensibilisieren und zum Nachdenken bringen müsse. „Wir müssen wieder stärker auf die Bürger hören und die Probleme anpacken, statt sie zu beschreiben.“
Entsetzt über das Abschneiden der AfD zeigte sich Sabine Grützmacher, bislang Bundestagsabgeordnete der Grünen. Sie hatte es diesmal über Platz 24 der Landesliste ihrer Partei nicht geschafft, erneut in den Bundestag einzuziehen. In der Wahlnacht musste sie lange bangen. „Natürlich würde ich mich freuen, wenn ich das Mandat wieder bekäme – aber ich würde es, wenn das ginge, auch gerne hergeben, wenn im Gegenzug die AfD wenigstens fünf Prozent weniger an Stimmen bundesweit bekommen hätte“, sagte sie spontan nach den ersten Hochrechnungen. Wieder in den Bundestag wollte Grützmacher unter anderem, „damit ich Gesetze zur Bekämpfung der Geldwäsche mit beschließen kann, die ich mit erarbeitet habe und die seit September fertig vorliegen“. Die Sozialpädagogin und Bildungsinformatikerin war Mitglied des Finanzausschusses und Vorsitzende des Gremiums zum Geldwäschegesetz.
Keine Gedanken um einen Einzug in den Bundestag muss sich Pascal Reinhardt machen; mit Platz 31 auf der SPD-Landesliste ist der Sozialdemokrat aus Lindlar angesichts der herben Verluste seiner Partei chancenlos. Er trug's in der Wahlnacht mit Fassung: „Tatsächlich habe ich mich nicht nach einer Wohnung in Berlin umgesehen, ab Mittwoch gehe ich wieder zur Schule, mein Stundenplan steht“, sagte der Gymnasiallehrer für Mathe und Physik. Als „tragisch nicht nur für meine Partei“ bewertet er es, dass die SPD bundesweit hinter die AfD zurückgefallen ist.
Seine politischen Ambitionen hat das nicht gedämpft: „Der Wahlkampf hat mir enorm Spaß gemacht. Ich habe viele interessante Gespräche geführt und dabei Neues kennengelernt, mit dem man sonst als Lehrer nicht so konfrontiert ist.“ Pascal Reinhardt will bei der nächsten Wahl erneut für den Bundestag antreten: „Für mich ist das jetzt der Beginn eines Marathons; mit 31 Jahren bin ich für eine lange Strecke vor mir gut aufgestellt“, sagte er am Wahlabend. In jedem Fall will er bei den Kommunalwahlen im September wieder für den Gemeinderat in Lindlar antreten – „und ich bin optimistisch, dass sich auch Möglichkeiten ergeben, mich auf Kreisebene stärker zu engagieren.“ Stellvertretender SPD-Kreisvorsitzender ist Reinhardt bereits.
Motivierend für ihn: Wie auch bei Brodesser lag sein persönliches Wahlergebnis über dem der Partei auf Bundes- und auf Kreisebene. Die SPD holte kreisweit 17,8 Prozent der Zweitstimmen, Reinhardt 20,7 Prozent der Erststimmen. Die bittere Kröte für den Lindlarer: Bernd Rummler (AfD) lag mit 21,6 Prozent der Erststimmen vor ihm.
Der schaffte es über Platz 28 der AfD-Landesliste ebenfalls nicht in den Bundestag. Eine Chance für sich in Berlin sieht der gelernte Koch dennoch: Ein Politiker der AfD habe ihm angeboten, Mitarbeiter in seinem Abgeordneten-Büro zu werden, sagte er am Sonntagabend. Rummler überlegt noch, ob er annimmt.
